Ist es schon wieder soweit?

Ein Blick in den Kalender lässt aufhorchen: Die Weihnachtszeit hat begonnen. Ganz plötzlich und unerwartet. Wieder einmal. Dabei wollte ich dieses Jahr doch gewappnet sein und eintauchen in den wundervollen Zauber der Weihnacht.

Denn natürlich habe ich die Zeichen der Zeit längst erkannt. Was kein Wunder ist, denn schließlich penetrieren mich die Konsumtempel Dortmunds - wie anderorts ebenso - bereits seit Oktober intensiv und in Dauerschleife mit ihren wenig subtilen Botschaften zum Fest der Feste. Und immer flankiert vom paradiesischen Begleitprogramm unverzichtbarer Straßenfeger, die wir im Laufe der Jahre aus allen Kulturkreisen unseres Globus’ begeistert aufgesogen und adaptiert haben. Jedenfalls, wenn man den lauschigen Floskeln der Konsum-Propagandisten folgen mag, die uns rund um das Kalenderjahr laut schreiend zu ihren Black Friday-Specials, Helloween-Specials, Spätsommer-Specials, Sommer-Specials, Pfingst-Specials, Frühling-Specials, Oster-Specials, Karneval-Specials usw. usw. einladen.

Doch allzu viel Geschrei macht am Ende eben taub. Und so zeigt sich wieder einmal, dass sich Menschen doch nicht ganz so leicht manipulieren lassen, wie es die Kommunikation und die Heerscharen ihrer gläubigen Experten mitunter gerne hätten. Schon gar nicht mit dem Postulat der penetranten Wiederholung pawlowscher Prägung.

Ganz offensichtlich ist das menschliche Gehirn so angelegt, dass es dazu in der Lage ist, Dinge gezielt zu filtern und auszublenden, bis es schließlich an der Zeit ist, sich eingehender mit ihnen zu beschäftigen und auseinander zu setzen. Doch was heißt das dann für die gewerbetreibende Kommunikation? Was bedeutet dies für die digitalen Heilsbringer vermeintlich punktgenauer und maximal auf den persönlichen Bedarf zugeschnittener Sendebotschaften? Für intensiv im Buzzword-Dschungel gefeilte Begriffe wie Big Data, KI, Digitalisierung, Neuromarketing und all die anderen Säue, die seit Jahren mit wachsender Begeisterung und Überzeugung durchs digitale Dorf getrieben werden? Nicht falsch verstehen, die digitale Entwicklung verändert bereits drastisch unser Leben, aber allzu oft werden große Worte gerne für banale Ergebnisse mißbraucht.

Am Ende bleibt das wohl eine Glaubensfrage, wie auch die Weihnachtsgeschichte selbst. Betrachtet man die konkreten Auswirkungen, wie sie sich bei Datenmoguln à la Facebook und Co. heute darstellen, bekommen wir in Summe vor allem deutlich mehr Werbung und einige zusammengeschwurbelte Personal-Stories zweifelhafter Bedeutung und Güte. Nichts, was meinen Alltag am Ende in irgendeiner Form bereichern würde oder mich näher an diese Kommunikationskanäle bindet. Und inhaltlich wohl kaum persönlicher als die Datenerhebung, die Kaiser Augustus in jenen bedeutenden biblischen Tagen im Zuge seiner Volkszählung im gelobten Land erhoben hatte.

Einfach Daten zu sammeln, abzugleichen und daraus Profile zu schmieden, mag als komplexe statistische Herausforderung einen gewissen Reiz erzielen, den einzelnen Menschen in seiner Vielschichtigkeit bildet dieses Vorgehen dennoch nicht im Ansatz ab. Denn hierzu fehlt es den Maschinen (noch) an Empathie, um im richtigen Augenblick und in der passenden Frequenz mit Menschen zu kommunizieren. Und damit dann auch an der entscheidenden Zutat, um ihn in der gewünschten Weise für die eigenen Anliegen zu gewinnen bzw. zu manipulieren.

Bis sich hieran etwas ändert, nähert sich die Kommunikation den Menschen weiter an und setzt vor allem auf die Prinzipien Relevanz und Wiederholung. Und die Empfänger der mannigfaltigen Botschaften „wehren“ sich mit den Methoden des Filterns und Ausblendens. Was einmal mehr die Einzigartigkeit und Flexibilität unseres Geistes respektive Gehirns unterstreicht. Denn anders als die Maschine bezieht es minutiös auch den Zeitpunkt und die Umstände mit ein, die sich mit dem Eintreffen einer Information verbinden. Und genau deshalb ist Weihnachten für uns auch immer erst dann, wenn das Gehirn uns bestätigt, dass es Weihnachten ist. Und das dann wiederum häufig erst ganz plötzlich und unerwartet…

Bleibt die Frage, ob die frohe Botschaft unserer Anliegen - in etwas reduzierteren Dosen genossen und um ein wenig mehr Menschlichkeit und Einfühlungsvermögen angereichert - im Ohr unserer Zuhörer nicht auf deutlich mehr Widerhall treffen würde.

In diesem Sinne möchte ich Euch für die Adventszeit zurufen: „Filtert weiterhin kräftig und konzentriert Euch auf das wirklich Wichtige in Eurem Leben! Verlebt eine schöne, bewusste und ruhige Weihnachtszeit…

…und vergesst dabei nicht, die Türchen immer fleißig zu öffnen!“ Da könnten schließlich wertvolle Verbraucherinformationen lauern. ;-)

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